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01.02.2010

Metabolische Erkrankungen

Unter metabolischen Erkrankungen versteht man Störungen des intermediären Betriebsstoffwechsels, die angeboren oder erworben sein können. Sowohl die Ausmaße als auch das Vorkommen von Stoffwechselkrankheiten sind dabei sehr unterschiedlich und reichen von weit verbreiteten „Volkskrankheiten“ wie Diabetes bis hin zu seltenen Erbkrankheiten mit oftmals tödlichen Folgen. Unter anderem durch neue Ansätze in der Genomforschung rücken metabolische Erkrankungen vermehrt in den Fokus von Wissenschaft und Industrie.

Abbildung zeigt Röntgenbild eines Patienten mit Osteopenie, der Vorstufe der Osteoporose, die auf Stoffwechselerkrankungen zurückzuführen ist.
Stoffwechselstörungen lösen häufig Folgeerkrankungen aus wie Osteopenie, die als Vorstufe der Osteoporose zum Knochenschwund führt. (© Dr. J. Barranger und Dr. L.W. Poll)

Zu den angeborenen Erkrankungen zählen meist genetisch determinierte Enzymdefekte, die je nach Aufgabe des Reaktionsproduktes Organausfälle verursachen können. Dagegen sind erworbene Störungen des Intermediärstoffwechsels auf Substratmangel zurückzuführen oder auf exogen induzierte Enzymmängel. Rund 11.000 angeborene Stoffwechselerkrankungen des Menschen sind bekannt und beschrieben, davon werden zirka 200 von Anfällen und Epilepsie (z.B. Phenylketonurie) begleitet (*1).

Selten vs. weit verbreitet

Das Vorkommen von Stoffwechselkrankheiten ist unterschiedlich. Neben seltenen Erkrankungen wie dem Gaucher-Syndrom (Häufigkeit 1:100.000) finden sich weit verbreitete „Volkskrankheiten“ wie das Metabolische Syndrom, der Diabetes (7 % der Bevölkerung), die Gicht oder die sehr häufige Milchzuckerintoleranz im Erwachsenenalter bzw. generell andere Nahrungsmittelunverträglichkeiten. Bislang sind etwa 500 enzymatische Defekte bekannt, die den Metabolismus der intrazellulären Organellen (Lysosomen, Peroxisomen und Golgi-Apparat), den Energiestoffwechsel und die Synthese sowie den Abbau von Proteinen und Lipiden betreffen.

„Leichte“ und „schwere“ Ausmaße

Stoffwechselkrankheiten sind im Allgemeinen Erkrankungen des gesamten Organismus, können jedoch „leichte“ (wie z.B. Milchzuckerintoleranz) oder „schwere" Ausmaße bzw. Symptome haben. Bei vielen metabolischen Störungen steht der Funktionsdefekt von Organen oder eines Systems im Vordergrund. Leidet eine Person etwa am sogenannten Gaucher-Syndrom, bei dem es dem Körper an einem Enzym zum Abbau zuckerhaltiger Stoffe mangelt, schwellen Organe des Patienten wie Milz, Leber oder Lunge an. Irreparable Schäden entstehen, die zum Tod führen können. Bei bestimmten Stoffwechselerkrankungen kann der Körper Speicher- und Botenstoffe nicht mehr abbauen, der Stoffwechsel im Organismus wird gestört.

Treten mehrere Fettstoffwechselstörungen auf, wird auch das Gehirn maßgeblich beeinträchtigt, die Skelettmuskulatur dagegen bei Zuckerstoffwechselstörungen. Von primären metabolischen Myopathien spricht man bei Erkrankungen der Muskulatur, die auf genetisch bedingten Störungen des anaeroben oder aeroben Energiestoffwechsels beruhen. Hierbei kommt es als Folge zu Muskelkrämpfen, Muskelschwund, belastungsinduzierbarer Muskelschwäche und Kreatinkinaseerhöhungen in verschiedener Ausprägung. Zu den metabolischen Myopathien gehören sowohl Glykogenspeicher-Erkrankungen wie Morbus Pompe (1 von 40.000 Lebendgeburten), bei der der Körper genetisch bedingt nicht in der Lage ist, das Enzym α-1,4-Glukosidase in ausreichender Menge zu produzieren, als auch Lipidmyopathien und Einzelenzym-Stoffwechselerkrankungen (z.B. MAD-Mangel). Stoffwechselstörungen sind häufig die Konsequenz von beispielsweise Zöliakie, Sprue und dadurch entstehenden Vitaminmangel-Zuständen, die zur Blutarmut oder Infektionsanfälligkeit führen können. Auf der anderen Seite können Stoffwechselkrankheiten selbst Ursache für Erkrankungen wie Arteriosklerose sein.

Neurometabolische Erkrankungen

Treten Stoffwechselerkrankungen bereits zum Beispiel in den ersten Lebensmonaten auf, so sind sie zumeist mit ausgeprägter neurologischer Dysfunktion verbunden. Das zentrale Nervensystem mit seiner Entwicklung bis zur Adoleszenz ist besonders anfällig für die Entwicklung einer metabolischen Enzephalopathie, da durch den enzymatisch determinierten Defekt benötigte Stoffwechselbausteine fehlen und/oder toxische Metaboliten bzw. pathologische Abbauprodukte akkumulieren. Hereditäre Stoffwechseldefekte wie das Crigler-Najjar-Syndrom haben zumeist eine Schädigung des Nervensystems zur Folge: Man spricht von neurometabolischen und heredodegenerativen Erkrankungen.

„Tödliches Quartett“ als erstes Signal

Metabolische Erkrankungen, allen voran das metabolische Syndrom bzw. „tödliche Quartett“ (Übergewicht, Fettstoffwechselstörungen, Bluthochdruck sowie Insulinresistenz), sind von einer großen Anzahl von Stoffwechsel-Verschiebungen gekennzeichnet, die bereits lange vor dem Auftreten der eigentlichen Erkrankung erkannt und beeinflusst werden können. Die Teilerkrankungen des metabolischen Syndroms bedürfen einer voneinander unabhängigen Behandlung, während die nicht-medikamentösen Ansätze allerdings weitgehend ähnlich sind. Hierzu zählen unter anderem eine Gewichtsreduktion sowie Bewegung bzw. Muskelarbeit. Erst wenn diese Strategien keinen Erfolg gebracht haben, werden Medikamente empfohlen - zum Beispiel Fibrate oder Cholesterin-Synthese-Hemmer (Statine).

Hoffnungsträger Stammzellen- und Gentherapie?

Identifizierung von Stoffwechselgenen als Ansatz

Seit Kurzem werden zudem sogenannte genomweite Assoziationsstudien mit Stoffwechselprodukten durchgeführt, bei denen mit Hilfe von DNA-Microarrays (vulgo Chips) quer über das ganze Genom Hunderttausende Genvariationen der Probanden bestimmt werden. Treten Genvariationen in einer Gruppe besonders häufig auf, kann man somit den genomischen Lokus identifizieren, in welchem Kandidatengene liegen können, und durch weitere DNA-Analysen auf entsprechende Gene bzw. funktionelle Genvariationen schließen. Die Erkennung entsprechend involvierter Gene gilt als Grundlage, um Therapien für die Behandlung von Stoffwechselkrankheiten zu entwickeln.

Forschungsgebiet auf dem Vormarsch

Ein Drittel der Forschungsprojekte deutscher Biotechfirmen konzentriert sich auf Krebserkrankungen. Daneben rücken aber auch metabolische Erkrankungen vermehrt ins Zentrum. Deren Anteil konnte in den vergangenen Jahren von zwei auf fünf Prozent ausgebaut werden (*2). Auf europäischer Ebene ist die Onkologie mit insgesamt 516 Wirkstoffkandidaten zwar noch immer das am intensivsten beforschte Therapiegebiet, jedoch gelangen metabolische Erkrankungen mit derzeit 128 Wirkstoffen immer mehr in den Fokus (zum Vergleich: Infektionskrankheiten mit 262 Wirkstoffen). Hinsichtlich des Umsatzes mit Biotech-Medikamenten (Biopharmazeutika) liegen Stoffwechselerkrankungen in der Bundesrepublik Studien zur Folge dagegen mit 768 Mio. Euro vorn, gefolgt vom Indikationsgebiet Infektionen mit 528 Mio. Euro (*3).

mst

Literatur:

(*1) Leary LD, Nordli DR, De Vivo Jr, De Vivo DC. Epilepsy in the setting of inherited metabolic and mitochondrial disorders. In:
Wyllie E (ed). The treatment of epilepsy. Principles and practice. 3rd ed. Lippincott Williams and Wilkins, Philadelphia, 2001; 637–56.

(*2) Studie zum Ländervergleich Deutschland und Schweiz. In: Novumed Biotech Finder, Novumed GmbH Life Science Consulting, Dr. Jörn Leewe

(*3) Boston Consulting Group (BCG)-Studie im Auftrag des VFA Bio

 

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